Was ist eine Classy Response?

Dies ist die schriftliche Version von Episode 15 aus meinem Podcast Blindspot - Was ich von hier aus sehen kann. Es geht um die Frage: Wie reagiere ich stilvoll in herausfordernden Situationen?

Vor zwei Wochen hatte ich die Idee zu dieser Episode, weil ich bei anderen Menschen Reaktionen gesehen habe, die man in meinen Augen auch hätte eleganter lösen können.

 

Ich machte mir einige Gedanken dazu, wollte aufnehmen, doch es fühlte sich nicht so richtig rund an, auch deshalb, weil mit dauernd etwas Nerviges passiert ist: Fahrradreifen platt, kleine Odysse, den reparieren zu lassen, Projekt immer wieder verschoben, gefühlt alles, was ich anfangen wollte, war so ein bisschen blockiert, dazu kamen seltsame Begegnungen mit Menschen aus der Vergangenheit und pöbelnde Verkehrsteilnehmer. Ich durfte also die gesamte Palette mal durchleben, um zu erfahren, wie weit ich eigentlich selber bin mit dem Thema der „Classy Response“

 

Meine größten Erkenntnisse: 

1. Ich hatte eine viel zu eingeschränkte Vorstellung gib der Classy Response in meinem Kopf

2. Wir haben viel mehr Zeit als wir denken und wir können uns die auch nehmen.

 

Bislang war meine Vorstellung von der Classy Response vor allem aus Film entnommen, wenn jemand etwas sagt und der Protagonist antwortet direkt etwas extrem lässiges. Ja, ich habe leider kein Drehbuch für mein Leben. Weiß ich wie lange der Drehbuchautor an diesem Satz gesessen hat?An dieser perfektem Situation mein Handeln zu messen, ist nicht klug.

 

Was stattdessen meist passiert ist, dass wir extrem reagieren, entweder reaktiv oder repressiv.

Ich unterschiede hier mal in schnelle und langsame Reaktionen.

 

Schnell und reaktiv ist: Zurückmotzen, sich aggressiv verteidigen sich nachher totaaaal bei seinen Freunden darüber aufregen. Sowohl mündlich als auch schriftlich, bei Mails oder SMS hört man den emotionalen Zustand einer Person meist an der Lautstärke und dem Tempo der Tippgeräusche. Ich kenne solche Momente bei mir. Ich bin der Meinung, es reicht jetzt, mache meinen Punkt klar und bin so richtig stolz. Ungefähr zwei Minuten lang. Dann hab ich Angst vor der Antwort und stelle mein Handy in den Flugmodus. Daran merke ich dann meist: Ok, das war nicht die „Classy Response“. Da hat mich was getriggert und die andere Person hat jetzt nicht nur die Reaktion auf diese eine Situation bekommen, sondern noch meinen ganzen anderen Müll dazu. Dann muss ich nachher wieder zurückrudern und mich entschuldigen. Unangenehm. 

 

Schnell und repressiv wäre: Sofort einlenken. „Ach ja, macht nichts, gar kein Problem.“ Oder sich übermäßig entschuldigen und dann nachher zu Hause sitzen und denken: „Häh, warum hab ich das gemacht? Ich hab das so gar nicht wahr genommen.“ Das passiert, wenn man sich von der anderen Person eingeschüchtert fühlt, wenn man die aus irgendeinem Grund über sich stellt, sich abhängig fühlt und sich nicht traut dagegen aufzustehen. Dann hat man das quasi abgenickt und dann später nochmal hinzugehen und zu sagen: „Ehm, das fand ich übrigens nicht gut, auch wenn ich dir in der ersten Reaktion was anderes gesagt habe“, ist auch unangenehm.

 

Beides fühlt sich nach inkonsistentem Verhalten an. Ich finde das aber ok und wenn einem eine dieser Varianten passiert ist und und man dann den Mut hat, das noch einmal aufzurollen, finde ich das auch sehr classy. Verspätet eben, sozusagen classy Minus, aber da gehört schon einiges dazu, über diesen Punkt noch einmal zu gehen. Es kommt aber auch drauf an, was ich gesagt habe. Worte, die den Mund verlassen haben, lösen etwas aus, da kann man manchmal nicht einfach sagen: „War nicht so gemeint“, und alles ist wieder gut. Ich stell mir gerade so ein GIF vor, wie alles explodiert, weil jemand ausgerastet ist mit dem Text: „Ooops, sorry.“ Es ist eben schwieriger, etwas nachträglich zu reparieren, als es gar nicht erst kaputt zu machen. Das gehört aber dazu und ist meiner Ansicht nach auch nicht schlechter, als wenn ich ewig nichts gesagt habe, in mir drinnen etwas zerbrochen ist und ich der anderen Person nicht die Chance gegeben habe, dass wir es gemeinsam reparieren, weil ich nichts gesagt habe. Damit kommen wir zur langsamen Reaktionen oder gar keiner Reaktion. Hier würde ich auch unterscheiden.

 

Reaktives Schweigen: Ich bin total sauer, ich sage aber nichts und brodle dann wochenlang innerlich vor mich hin und ärgere mich, weil ich nicht weiß wie ich es sagen soll und der Moment jetzt vorbei ist.

 

Repressiv schweigen wäre: Ich sage lieber nichts, ich finde es nicht in Ordnung, aber ich traue mich nicht, es noch einmal anzusprechen und warte einfach ab. Das fühlt sich aber auch nicht gut an.

 

Am Ende haben beide Varianten des Schweigens für mich den Beiklang, direkte Konfrontation zu scheuen und zu vermeiden.

 

Dann gibt es das Schweigen, weil ich gar nicht mitbekomme, was da war. Das finde ich am angenehmsten. Neulich bei Radfahren ist mir das passiert. Meine Freundin hat sich geärgert, weil eine Frau wohl kopfschüttelnd an uns vorbei gefahren ist, während wir nebeneinander auf der Straße fuhren. Ich hab das überhaupt nicht gesehen. Mal abgesehen davon, dass ich sie auch verstehen könnte, wenn es so war, sind das die Momente, in denen ich merke, ich bin gerade ganz bei mir, wenn ich auch eine Beleidigung zum Beispiel gar nicht höre oder als solche nicht wahrnehme. 

 

Und es gibt das kluge Schweigen, weil du merkst: Das ist jetzt nicht der Moment. Aber ich merke mir das und komme darauf zurück. Ich erlaube mir, dass ich darauf reagiere, wenn ich die richtigen Worte gefunden habe und im passenden emotionalen State bin. Das ist für mich auch eine „Classy Response“. Es ist sowohl rücksichtsvoll mir selbst als auch der anderen Person gegenüber aber auch kein stilles Einvernehmen. Man könnte ja auch so etwas sagen wie: „Da komm ich nochmal drauf zurück.“ 

 

 

Was ich auch noch stilvoll finde ist, wenn ich gar nicht antworte sondern frage. Oft nehmen wir ja an, wir hätten etwas auf eine bestimmte Art und Weise gehört oder bekommen eine Nachricht und denken: „What?“ Und bevor ich dann darauf reagiere, frage ich erst einmal, ob ich das überhaupt richtig verstanden habe. Hier ist auch die Tonalität wichtig. Mir hilft immer, mir vorzustellen, dass ich es wirklich nicht verstanden habe.

 

Durch den Spiegel, den die andere Person bekommt, also noch einmal zu hören, was sie gerade gesagt hat, wird klarer, wie ich es aufgenommen habe. Oft hat man sich auch gar nichts dabei gedacht und dann hört man das nochmal und merkt: Ach je, so sollte das nicht rüberkommen oder auch: Ok, das war unhöflich, ich sammle mich mal.

 

Man kann auch üben, Dinge an sich vorbeifließen zu lassen. Nicht zu antworten ist natürlich dann am schönsten, wenn es mir auch wirklich egal ist und nicht innerlich etwas piekst. Dafür können wir vielleicht mal differenzieren, wem wir antworten. Wer verdient eine Erklärung von mir, wie nah steht mir die Person, wie wichtig ist sie mir. 

 

Ich finde es unhöflich, nicht zu antworten. Dadurch habe ich oft Stress, weil ich zig Anfragen bekomme und viele davon sind einfach nur sinnlos oder ich mache mir totalen Stress, die andere Person hat das aber nur mal eben rausgeschossen und direkt wieder vergessen. Ich mag zum Beispiel nicht, wenn.alle dieselben Informationen bekommen und dann mich fragen: „Wann müssen wir da sein, wie kommen wir da hin?“ Oder wenn ich Dinge gefragt werde, die ich auch nur im Internet recherchiere. Da fiel mir neulich zu ein: Manchmal ist es ja auch höflicher, wenn ich nicht antworte, als wenn ich schreibe, was ich darüber denke. Also ist dann mein Schweigen höflich. 

 

Was mir in der vergangenen Woche geholfen hat, ist mir immer wieder zu sagen: Ich habe Zeit. Die meisten ungünstigen Situationen entstehen, weil man immer denkt: „Ich muss JETZT antworten“. Ich werde von einem Radfahrer angepöbelt, der fährt einfach weiter. Jetzt schnell was sagen. Wozu eigentlich? Für wen antworte ich denn? Will ich, dass andere das hören und mir dann bekräftigend zunicken? Bilde ich mir ein, der dreht dann nochmal um, kommt zurück und sagt: „Ja stimtm, du hast Recht. Tut mir leid.“ Und wenn ich eine super lustige filmreife Antwort auf den Lippen habe, hat der sich überhaupt verdient, die zu hören, wenn er so unhöflich zu mir war?

 

Wenn wir uns mal vorstellen, dass Zeit nicht linear ist, sondern eh alles parallel passiert, dann kann ich auch viel später antworten und es macht gar keinen Unterschied.

 

Gerade im schriftlichen Bereich finde ich, hab ich oft viel zu schnell reagiert. Ich will das dann „weg“ haben, weil es mich beschäftigt. Nur, weil ich die Nachricht abgeschickt habe, beschäftigt es mich ja aber immer noch, dann beschäftigt mich, was die Person wohl antwortet. Und was wirklich interessant ist: Wenn ich das Telefon erst einmal weglege, den Laptop zuklappe und etwas anderes mache, vergesse ich die Nachricht oft und ich muss mich aktiv wieder daran erinnern, dass ich ja eigentlich sauer bin. 

 

Was ich auch nicht mag, sind diese pseudo höflichen Antworten: „Ich wünsche dir auch einen schönen Tag“, und eigentlich ärgert man sich aber. Das finde ich auch nicht stilvoll. 


Zusammengefasst: 

 

Die „Classy Response“ ist nicht nur der kluge und witzige, charmante und stilvolle Kommentar, der mir in dem Moment einfällt.

 

Die „Classy Response“ kann auch sein, nicht sofort zu reagieren, rückzufragen und mir zu erlauben, das erst einmal sacken zu lassen. „Ich komm drauf zurück“ ist eine schöne Formulierung. Und dann kann ich entscheiden, ob ich dann dazu noch etwas sagen will oder ob es mir inzwischen schon wieder egal ist. 

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